Ich drücke mit aller Kraft gegen die Schale von meinem Ei. Es macht laut Krach! und die Schale ist kaputt. Jemand kreischt. "Die ist ja gelb!" Ich höre auf mich zu schütteln und schaue sie an. Sie kommt nach ihrem Anfall von Herumkreisch langsam und leise auf mich zu. "Ich bin Asca. Willkommen in Ascasien, Kleine." Ich schnurre, als sie mich streichelt. Sie ist nett. "Ich bin deine Reiterin. Weißt du, was das ist?" Fragend schaut sie mich an. Ja. Ich habe in meinem Ei andere darüber reden hören. "Ein Drache muss seinen Reiter beschützen.", antworte ich. Asca, meine Reiterin, lächelt. "Du bist ein sehr intelligenter Drache. Wie willst du heißen?" Ich weiß nicht. "Darf jeder Drache seinen Namen aussuchen?" "Normalerweise nicht. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich dich nennen soll. Ein so besonderer Drache wie du braucht einen besonderen Namen." Ich stupse sie an. "Dir wird schon was gutes einfallen." Ich vertraue ihr. Meine Reiterin würde nie etwas tun, dass schlecht für mich ist.
Ich schaue mich um. "Sind das alles deine Drachen?" Im Turm laufen sieben Drachen herum. "Nein. Das sind alles Pflegedrachen. Ich bin die Wächterin der MGoD. Ich habe noch zwei andere Drachen. Cosan ist gerade im Nest und Cièlo fliegt über den Bergen." Asca deutet auf einen Vorhang. Möchtest du die Berge sehen? "Ja!" Ich bin zwar todmüde, aber egal! "Bevor du durch den Vohang gehst, musst du immer gucken, ob gerade jemand landet. Du solltest mal Cosan fragen, was passiert, wenn man das nicht macht... Schau, dahinten fliegt Cièlo!" Asca deutet auf einen kleinen grünen Punkt über den Bergen. Sie bläst in eine kleine Pfeife um ihren Hals und ein hoher Ton kommt heraus. Ich erschrecke und Asca dreht sich zu mir um. "Keine Angst, Kleine. Das ist nur eine Pfeife. Wäre ein bisschen kompliziert, ihn sonst zurück zu holen." Und tatsächlich. Cièlo wendet sofort und kommt auf uns zugeflogen.
"Die ist ja gelb!", ruft Cièlo schon von weitem. Asca lacht. "Das selbe habe ich auch gesagt, als sie aus dem Ei geschlüpft ist." Der grüne Drache kommt auf mich zu. "Ich bin Cièlo. Meine Reiterin hast du schon kennen gelernt. Wie heißt du?" Ich bin verlegen. "Ich habe noch keinen Namen." Asca erklärt ihm: "Ich muss noch nach einem ungewöhnlichen Namen für einen so ungewöhnlichen Drachen schauen. Hast du vielleicht eine Idee?" Cièlo schüttelt den Kopf. "Nein, aber dir fällt bestimmt was Gutes ein." "Schön, dass ihr mir alle so vertraut.", lacht Asca. "Ich werde jetzt die Bibliothek durchforsten. Willst du mitkommen, Kleine?" Was für eine Frage! "Natürlich!"
"Wie gefällt dir Bona Dea?" Asca und ich sind nun schon seit Ewigkeiten daran, einen Namen auszuwählen. "Bona Dea", sage ich und probiere den Klang der Worte aus. "Ja, Bona Dea klingt gut." "Ok, Kleine, dann heißt du ab jetzt Bona Dea!" Ich laufe hinunter zu den anderen, um ihnen davon zu erzählen.
Asca kommt zwei Stunden später die Treppe hinuntergesaust. "Kleine, du kannst nicht Bona Dea heißen. Das ist der Name der Göttin des Todes!" Ich starre sie an. "Das kann nicht sein!" "Tut mir leid, Süße, ich habe nicht gründlich genug recherchiert. Aber Bona Dea passt einfach nicht zu dir. Was hältst du von Li-ja?" "Das ist keine Todesgöttin?", frage ich zweifelnd. Asca lacht. "Nein, ich habe dreimal nachguckt."
"Spring!", ruft Asca. Ich stehe am Rand des Landeplatzes. Heute morgen hat Asca gesagt, sie wolle mir fliegen beibringen. Da habe ich mich gefreut! "Hey, was ist los, Süße?"Asca kommt zu mir. "Schau wie Cièlo das macht, und mach es ihm nach. Wenn du es nicht hinkriegst, fängt er dich auf. Dir passiert nichts." Trotzdem... es geht so tief runter... Flehend gucke ich Asca an. "Muss ich denn unbedingt fliegen können?" "Fliegen macht wahnsinnig viel Spaß. Aber wenn du nicht willst", seufzt Asca, "musst du natürlich nicht. Willst du mit mir auf Cosan zu Kir fliegen? Cosan muss gegen Akiko kämpfen, und der ist grad bei Kir." Ich nicke und springe auf Cosans Rücken. Als Asca sitzt, macht er einen großen Satz, breitet seine Flügel aus und fliegt. "Li-ja?" , fragt Cosan. "Was ist?", rufe ich zurück. "Wie kannst du dir das Fliegen entgehen lassen? Das ist das Beste auf der Welt!" Cosan fliegt einen Looping. "Spring doch von mir runter, ich fang dich auf!" "Komm schon, Li-ja, dir wird nichts passieren. Cosan, flieg mal dicht über den Boden!" "Ich will nicht fliegen!" Ich bin verzweifelt. Der Boden ist hart und... ahhhhhhhhhhhhh! Asca hat mich runtergeworfen! Ich werde wütend. Sie ist meine Reiterin! Sie hat mich zu beschützen! Ich schlage mit den Flügeln und drehe mich zu Cosan um. Soweit die Theorie. Da ist kein Cosan. Das heißt, auch keine Reiterin, der ich mal meine Meinung sagen kann. Ich drehe mich einmal um mich selbst. Plötzlich kommt Cosan von unten hoch geschossen. "Das war der Hammer!" Cosan schaut mich richtig stolz an. Beim ersten Fliegen einen Spin! Ich habe Stunden gebraucht, bis ich den drauf hatte!" Ich ignoriere ihn. "Asca!" , brülle ich und stürze mich auf sie. Cosan erschreckt und geht in einem Sturzflug nach unten. "Was soll das? Du kannst doch nicht deine Reiterin angreifen! Spinnst du?" Cosan wird auch wütend. "Sie hat mich einfach so ins Nichts geschmissen!", brülle ich zurück. "Cosan, lande!", befiehlt Asca. "Das ist zu gefährlich. Li-ja wird sich noch verletzen." Cosan faucht. "Eher wird sie dich verletzen." Wo er recht hat, hat er recht. So schnell wie ich kann fliege ich mit ausgesteckten Krallen auf Asca zu. Cosan duckt sich unter mir weg und fliegt in Richtung Ascasien davon. Ich kann ihn nicht einholen. Immer noch wütend fliege ich in eine Höhle in den Bergen, um dort zu übernachten.
Ich liege in einer kalten, zugigen, harten Höhle und kann nicht einschlafen. Was soll jetzt aus meinem Leben werden? Ich kann nicht zu Asca zurück. Ich habe sie angegriffen. Sie wird mich nicht als Drachen haben wollen.
Am nächsten Morgen bin ich hungrig. Ich versuche, mir in den Bergen eine der Ziegen zu holen, aber nachdem ich dreimal gegen die Berge geflogen bin gebe ich auf. Ich bin einfach noch zu klein. Traurig und verlassen setzte ich mich auf einen Felsvorsprung. Ich warte. Ich weiß nicht wo drauf, aber sonst kann ich sowieso nichts machen.
Als die Sonne untergeht, bin ich halb verhungert. Asca hat mir beigebracht, dass ein Drachenkind nach zwei Tagen ohne Futter stirbt. Ich bin zu schwach, um mir irgendwo Futter zu suchen. Also bleibe ich liegen und warte weiter. Aber diesmal auf den Tod.
"Li-ja!" "Li-ja, wach auf! Komm schon, bitte!" Jemand weint. Eine Drachenschnauze stupst mich sanft an. Eine Drachenzunge leckt über mich. "Cosan, würdest du bitte etwas zu essen holen gehen? Vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät.", sagt die Stimme schluchzend. Irgendetwas klingelt in mir. Diese Stimme, der Name, das kommt mir bekannt vor. Dann erliege ich der süßen Verlockung der Bewusstlosigkeit.
Ich fühle mich schwach. Als wäre ich bis ans Ende der Welt und noch weiter geflogen. Nur das ich nicht am Ende der Welt, sondern in einem kuscheligen Nest bin. Ich öffne meine Augen. "Du lebst!", ruft Asca. Sie drückt mich an sich. "Du lebst! Wie fühlst du dich? Möchtest du noch Fleisch?" "Ja. Tut mir leid, Asca. Ich hätte dich nicht angreifen sollen." Entschuldigend schaue ich sie an. "Und ich hätte mich nicht in den Bergen verkriechen sollen." "Schon gut, Süße, mach dir nichts draus. Jeder macht mal Fehler. Ich hätte dich nicht einfach so von Cosan runterwerfen sollen. Tut mir leid. Freunde?" Sie schaut mich an. "Freunde.",antworte ich und schmiege mich an sie, froh, bei ihr zu sein.